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Was aber macht darüber hinaus die Bilder von Ulrike Prusseit so unverwechselbar und so unmittelbar in ihrer Wirkung? Es scheint, als male sie von einem Standpunkt mitten im Bild selbst. Als gebe sie jegliche Distanz zu ihrem Bild auf, als sei sie nicht nur Denkende und Fühlende zugleich, sondern auch Agierende und Betroffene. Das Malen, so sagt sie, sei ein ständiger Dialog zwischen ihr selbst und ihrer Umwelt, zu der die Menschen in ihrer Umgebung ebenso gehören wie die Natur, die Schöpfung, aber auch die verwundete, chaotische, »schreckliche« Welt. Das Leben selbst fordert ebenso wie das Malen von ihr ein ständiges Sich-Einlassen auf neue Gegebenheiten, immer wieder die Sensibilität für die Feinabstimmungen, um endlich, endlich den angestrebten Zustand von Balance, von Harmonie zu erreichen – wenngleich auch nur für einen kurzen Augenblick. Und ihre Bilder sind solche kurzen Augenblicke, Ahnungen davon, wie es sein könnte. Aber sie sind keineswegs harmoniesüchtige Wunschbilder. Vielmehr sind sie Frage und Antwort zugleich. Sie stehen sowohl für das Chaos und das Schreckliche, das Unberechenbare und das Unerklärbare des Lebens, als auch für das, was sich daraus an Neuem entwickeln kann. Schauen wir uns eine solche Leinwand genauer an, dann entdecken wir Wunden und Verletzungen, Schnittstellen, Nahtstellen, Klebestellen. Hier wurde geflickt und repariert, hier wurde vertuscht und geschönt. Ein verhüllender, gnädiger Schleier ausgebreitet über das Unsägliche, was verborgen bleiben oder vergessen werden soll. Es gibt hektische Fieberkurven, Raster, die unerbittlich einen Rhythmus vorgeben. Es gibt Vorschriften und bleierne Anordnungen, es gibt Abgründe und Geheimnisse. Aber es gibt auch Stellen, die gleichsam »geheilt« sind, die Heilung und Wohlsein versprechen. Es sind kleine Inseln der Sehnsucht, kleine Fluchtburgen für das Auge. In nahezu allen Bildern von Ulrike Prusseit begegnen wir Frauenfiguren. Mal sind sie nackt und schutzlos. Zuweilen sind sie gesichtslose, kühle Tänzerinnen, zuweilen kämpferische Amazonen. Hier verstecken sie ihre Verletzlichkeit hinter ihren Kleidern, dort haben sie den Kopf verloren und sind nur noch Kleid, nichts als schöner Schein. Es wäre zu einfach, über diese Bilder zu sagen, sie thematisierten das Frausein. Denn hier geht es um das Menschsein, das Menschsein als Frau freilich.

Diese Bilder sind Aufschreie und tröstende Worte zugleich, verzweifelte Rettungsversuche und warme, beruhigende Schutzmäntel für die Malerin selbst – und für den Betrachter: »Denn wie man sich rettet, so lebt man.«

Katja Sebald

Über die Arbeiten

Manchmal können wir uns selbst nicht erklären, warum wir uns zu einem Bild hingezogen fühlen, warum wir es sogar am liebsten zu uns nach Hause holen würden und in bestimmten Situationen, zu bestimmten Tageszeiten immer wieder anschauen wollen.

Bilder können spannungsvolle Kompositionen sein, formale Gültigkeit haben und inhaltlich schlüssige Aussagen treffen. Sie können uns berühren, aufwühlen, trösten oder an etwas erinnern. Bilder können eine Geschichte erzählen oder ein Geheimnis bewahren. Ihre Farben können Assoziationen auslösen, können zuweilen körperlich spürbar sein, uns harmonisch stimmen, uns Kraft geben, uns aufregen oder anregen. Farben können Gefühle ausdrücken, die wir selbst kennen: schmerzhafte ebenso wie glückvolle.

Die Bilder von Ulrike Prusseit entstehen gleichermaßen im Kopf wie im Bauch, sie sind gemalte Gedanken wie gemalte Gefühle. Sie beschäftigen sich mit Sinnfragen, sie sind der »Traum vom Wesentlichen«, wie sie selbst sagt. Die Verwendung von verschiedenen Schablonen, Druck- und Collagetechniken auf der Leinwand bestimmen die ausgewogenen Bildkompositionen ebenso wie gestische Malerei und zeichnerische Elemente, zuweilen tauchen Schriftzeichen und Schriftfragmente auf. Durch Überklebungen, vor allem aber durch Übermalungen, durch scheinbar flüchtig aufgebrachte Farbspuren wird die Bildaussage auf eine poetische Weise verschlüsselt. Meist werden die Bilder durch Gegensätze, durch Dualität bestimmt: Es sind gleichsam Bildpaare im Bild. Nicht selten entstehen auf kleineren bis mittleren Formaten auch Bildserien, die in formaler wie in inhaltlicher Hinsicht korrespondieren. Und diese Bilder leben auch und nicht zuletzt von der Farbe. Sie sind ungemein stimmige und komplexe Farbwelten, die den Betrachter einfangen, ihn gleichsam umhüllen. Das gilt für die milchig matten, verschwommen pastelligen Töne, die an Lieblingseissorten von Zitrone bis Vanille denken lassen, an Sanftes, Angenehmes, Wohliges. Es gilt für den Tiefensog, den diese energetisch aufgeladenen roten Bildflächen ausüben, wir assoziieren Kraft und Liebe ebenso wie Blut und Schmerz. Es gilt auch für die tiefen und weichen Grüntöne, die wie ein Blick in einen sommerlichen Wald sind. Es gilt für das kühle, sachte Blau und für die warmen, fast stofflichen Nuancen von Grau.